Essays, Kolumnen, Berichte


Gegrilltes aus Prag

Frank Lobbes

In diesem Jahr kann ich Euch und Ihnen den „Internationalen Schachurlaub / Dr. Pelikan-Gedächtnis-Turnier“ direkt vom Ort des Geschehens vorstellen, aus dem Hotel „Slavia“. Wer nun Slavia und die tschechische Metropole Prag zusammenführt, wird vielleicht an den Fußballklub Slavia Prag erinnert – zu Recht! Das Hotel und das umliegende Areal ist die Heimstatt der zweitstärksten Kicker der Hauptstadt, neben dem Hotel gibt es das Stadion, eine Eishockey- und eine Schwimmhalle sowie verschiedene Sportplätze und Trainingseinrichtungen. Am Abend unserer Anreise am 26.07. fand hier das Finale der Juniorinnen-WM im Feldhockey statt, das Frankreich mit 1-0 gegen die Schottinnen gewann. An dieser Stelle einen herzlichen Glückwunsch nachträglich!

Mit der neuen Spielstätte des Urlaubsturniers verbindet sich eine Qualitätssteigerung: Die Zimmer wurden vor kurzem renoviert und sind mit Kühlschrank, Telefon und Satellitenfernsehen (mit schlechtem Empfang) ausgestattet und sehr geräumig. Das Reinigungspersonal wird bis zur nächsten Austragung bestimmt noch geschult, und das Frühstück könnte etwas Abwechslung vertragen. Die kleinen Unannehmlichkeiten wird Organisatorin Jindra Kollerova bis zur nächsten Austragung ganz sicher in den Griff bekommen. Ihr und Ihrem Team gilt für ihren unerschöpflichen Einsatz erneut unser herzlichster Dank!

Der kühlste Ort ist die Hotelbar im Rezeptionsbereich, geöffnet ab 18 Uhr und mit angenehm niedrigen Preisen. Durch die höhere Qualität des Hotels, aber auch die hohe Bewertung der tschechischen Krone ist die Übernachtung leidlich teurer geworden. Ein Billigurlaubsland ist die Tschechische Republik nicht mehr, im Großen und Ganzen jedoch ist die Teilnahme viel preiswerter als die zeitgleich stattfindenden Open in Dresden oder Biel. Ein hervorragendes Mittag- oder Abendessen bekommt man im Restaurant der Eishockey-Halle, die nicht von ungefähr an eine Vereinskneipe erinnert. Mit etwas Glück erobert man einen Sitzplatz am Fenster zur Eisfläche und kann den Profis beim Training zuschauen. Die Speisekarte ist nur in Tschechisch, doch man kann bedenkenlos alles auf der Karte bestellen. Die Fleischgerichte sind allesamt lecker, reichlich und günstig.

Die Atmosphäre der Turniers ist geprägt durch die Präsenz anderer Sportler: Fußballer, Schwimmer, Beachvolleyballer usw., die – wenn sie der Hinweisschilder auf das Schachturnier gewahr werden – sich tatsächlich ruhig verhalten und einen Blick in die kleinen Turnierräume riskieren. Als Turnierspieler fühlte ich mich in solchen Momenten mehr als Schach-Sportler denn als Urlauber.

Karsten Stieg und ich waren in diesem Jahr die einzigen Gladbacher Vertreter. Die Gruppen waren durchgehend stärker besetzt als im Vorjahr, womit sich unser Abschneiden teilweise erklären lässt. Ein paar halbe Punkte ließen wir auch durch mal kleinere, mal gröbere Fehler liegen, womit wir bei durchschnittlich über 30 Grad und gegrillten Gehirnen nicht alleine waren. Nach der langen Sommerpause fängt die Saison bei uns beiden ziemlich holprig an. Karsten landete mit 4 Punkten aus neun Partien im Mittelfeld des Allgemeinen Turniers, ich wurde in der Vormeisterklasse geteilter Achter (von zehn Spielern) mit 3,5 Punkten, was ungefähr der Setzliste entsprach. Von den ca. 70 Teilnehmern kamen die meisten aus der Tschechischen Republik und aus Deutschland.

Über die Besonderheit der Veranstaltung, der Verknüpfung von Schachturnier und Rahmenprogramm, habe ich bereits im Artikel „Das Meisterzimmer von Prag“ berichtet. Als langjährige Stammgäste haben Karsten und ich dieses Jahr die Stadt auf eigene Faust erkundet und neue Blickwinkel und Sehenswürdigkeiten entdeckt. Die Fahrt zur Burg Karlstein haben wir uns natürlich nicht entgehen lassen. Die Kreuzkapelle ist eine einmalige Sehenswürdigkeit und allein schon einen Besuch wert.

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Mittlerweile sitze ich wieder in Köln und überarbeite diesen kleinen Artikel. Die Bootstour auf der Moldau, traditioneller Abschluss des Urlaubsturniers, ist beinahe zwei Tage her, ohne dass die Bilder von Prag in der Dämmerung und hereinbrechenden Nacht verblasst sind. Der beleuchtete Hradschin über der Stadt ist ein zauberhafter Abschiedsgruß Prags an seine Gäste.

Prag/Köln, im August 2008