Essays, Kolumnen, Berichte


Das Meisterzimmer von Prag

Frank Lobbes

Der 16. Internationale Schachurlaub in Prag ist eine gemischte Veranstaltung aus Schachturnier und Urlaubsprogramm. Begründer ist Dr. Jaroslav Pelikan (1927-1997), der sich zu Lebzeiten als Organisator vor allem der tschechischen Schachjugend widmete. Gespielt wird in Zehnergruppen jeder gegen jeden, wobei die Gruppen möglichst nach Spielstärke zusammengestellt werden. Durch das umfangreiche Rahmenprogramm ist dieses Event ein vielleicht einmaliger Termin in der Schachwelt.

Von unserem Verein nahmen am Meisterturnier Stefan Bosbach und Gregor Raupach teil, im Hauptturnier 'A' spielten Manfred Bosbach und ich und schließlich kämpften Birgit Raupach und Karsten Stieg im Einsteigerturnier um Punkte. Helga Bosbach nahm das Angebot war, als Urlauberin mit uns die Woche in der goldenen Stadt zu verbringen.

Zwischen dem Meister- und dem Hauptturnier gibt es noch das Kandidatenturnier, und dank großer Teilnehmerzahl in diesem Jahr gab es auch ein Hauptturnier 'B'. Dazu wird ein Rapid-Turnier angeboten, das den Teilnehmern erlaubt, an allen Nachmittagsveranstaltungen teilzunehmen. Das Rahmenprogramm für die Turnierteilnehmer besteht aus einer ausführlichen Besichtigung des Hradschin und des Veithsdoms und Besichtigung der Karlsbrücke (Montags) und einem Ausflug in die Umgebung (Mittwochs), bei dem wir dieses Jahr das Schloß Melnik besuchten und eine kleine Weinprobe genießen durften. Das ganze Angebot und auch die nackten Zahlen der Turniere sind sehr übersichtlich auf der Internetseite www.schach-prag.de abzurufen.

Der Start in die Meisterklasse verlief für unsere Bergischen SF hervorragend: Der Sieg von Stefan Bosbach gegen Dr. Wolfhard Trebbin war beinahe zu erwarten, schließlich war unser Spitzenspieler auch an Nummer eins des Turniers gesetzt. Als Wertungsschwächster war Gregor Raupach eingestuft, doch Kanonenfutter war er wahrlich nicht - nach seinem Gewinn gegen Emil Szirmai hat ihn niemand mehr unterschätzt. Leider trat Szirmai nach einem Remis und einer weiteren Null (er kam über eine Stunde verspätet zum Spiel) etwas unsportlich zurück. In den weiteren Runden mußten unsere zwei Meisterspieler einige Rückschläge verkraften, während der junge Tscheche Josef Erneker einen Start-Ziel-Sieg verbuchte und mit 6 Siegen und zwei Remis einen grandiosen Score verbuchte. In der Schlußrunde ging es noch zwischen fünf Spielern um Platz zwei. Stefan Bosbach lief dem Schweden Staffan Thomasson in einen Konter, Gregor Raupach konnte ihn noch überholen und vor ihm auf Rang vier landen, aber an Pavel Ptak und dem Deutschen Thomas Hentzgen kamen er nicht mehr vorbei. Die Plätze vier und fünf sind Erfolg und Enttäuschung zugleich - Stefan hatte sich mehr erhofft, während Gregor besser als von ihm selbst erwartet abschnitt.

Im Hauptturnier 'A' war Dr. Pavel Doktor mit einer Wertungszahl von 1871 klarer Favorit vor dem jungen Tschechen David Svitak (1786), Manfred Bosbach (1773) und Frank Lobbes (1746). Zwischen uns ging es auch Kopf an Kopf bis hin zu einem Herzschlagfinale um den Turniersieg. Mir gelangen dank der günstigen Auslosung drei Siege gleich zu Beginn, während Dr. Doktor in Runde zwei schnell mit Svitak remisierte und in Runde drei Manfred Bosbach schlagen konnte - die einzige Verlustpartie für Manfred, der dafür in Runde vier David Svitak schlagen konnte, während ich mit dem doppelten Doktor nach zwielichtiger Eröffnung den Punkt teilte. In der fünften Runde versuchte ich alles, um gegen David Svitak bereits einen entscheidenden Vorsprung zu erkämpfen, scheiterte aber an seiner zähen Verteidigung und machte mein zweites (von schließlich vier) Remis. Manfred und Dr. Pavel Doktor schlossen wieder auf, und nach Runde 8 waren der Favorit Doktor und ich mit 6,5 Punkten gleichauf an der Spitze, einen Punkt vor Manfred Bosbach und David Svitak. Die beste Feinwertung sprach für Doktor, der aber frühzeitig seinen Angriff gegen Ladislav Vismek (der mit 2,5 Punkten Vorletzter wurde) übertrieb und mit einem Remisangebot die Notbremse zog, bevor der ganze Punkt weg war. Ich hatte mit Frau Janka Sedlackova eine zähe Gegnerin, die meine Angriffsbemühungen 35 Züge lang sicher abwehrte - zur Freude von Pavel Doktor -, doch dann mit zwei schrecklichen Fehlern erst einen Bauern und direkt danach einen Springer einstellte. Gleichzeitig gewann Manfred Bosbach in einem bemerkenswerten Endspiel gegen Edgard Farel und sicherte sich Platz drei.

Karsten Stieg und ich teilten ein Appartement im Hotel Opatov, und auch er startete in seiner Gruppe mit drei Siegen in Folge. Die Zimmernummer '1605' wollten wir schon mit '100%' überkleben! Sein härtester Konkurrent um den Turniersieg war Miroslav Nemecek, der bis zur fünften Runde punktgleich mit Karsten an der Spitze stand. Untereinander hatten die beiden Remis geschlossen, Karsten einen halben Punkt gegen den starken Michal Fokt abgegeben und Nemecek mehr als glücklich ein Unentschieden von Birgit Raupach geschenkt bekommen. Sie hatte den Tschechen völlig überspielt, gab aber in überlegener Stellung Dauerschach. Verständlich, hatte sie vorher unglücklich einige Chancen ausgelassen und noch keinen Zähler einfahren können. Vorentscheidend war schließlich Karstens Sieg gegen Daniel Dobias in Runde 6, während Nemecek mit Weiß gegen Vojtech Hejl verlor. Das Remis gegen Emma Thomasson (ja: die Tochter von Staffan, der unserem Stefan die letzte Runde vermasselte) und ein Sieg gegen den zweiten Schweden Viktor Lundberg sicherten Karsten schon nach Runde 8 seinen ersten Turniersieg überhaupt. Ein friedliches Remis nach 13 Zügen gegen unsere Birgit machten seinen ersten Turniersieg perfekt. Damit hatten wir das erfolgreichste Appartement des Turniers - wahrlich ein Meisterzimmer. Zweiter der Gruppe wurde nach starkem Schlußspurt Michal Fokt vor Miroslav Nemecek. Emma Thomasson wurde in ihrem zweiten Turnier überhaupt gute Vierte, Birgit schaffte leider nur Platz neun - einige sehr gute Leistungen konnte sie nicht zu vollen Punkten umsetzen.

Traditioneller Abschluß der Veranstaltung ist eine Vergnügungsfahrt auf der Moldau, für das unsere charmante Organisatorin Jindra Kollerova, Tochter von Dr. Jaroslav Pelikan, wieder bestes Wetter und ein leckeres Buffet gezaubert hat. Vom Promenadendeck der 'Taurus' wirft man einen letzten Blick auf Hradschin, die Karlsbrücke und alle anderen Sehenswürdigkeiten entlang des Moldauufers im Sonnenuntergang, tauscht Anekdoten aus und genießt die großartige, freundschaftliche Atmosphäre zwischen allen Teilnehmern der verschiedenen Gruppen aus vielen Ländern. Es wird in einem Mix aus Tschechisch, Englisch und Deutsch geplaudert und sich für das nächste Jahr verabredet - zu einem neuen, unvergeßlichem Erlebnisturnier in der goldenen Stadt.

Prag/Köln, im Juli 2007